Meinung

Es scheint loszugehen: Europa sucht Soldaten, die gegen Russland ziehen

Europa befindet sich in Angst und kompensiert diese durch höhere Militärausgaben und Machtgehabe. Laut russischen Quellen fordern Vertreter deutscher Oppositionsparteien, die selbstzerstörerische Politik gegenüber Russland zu beenden und die Ukraine-Hilfen einzustellen.
Es scheint loszugehen: Europa sucht Soldaten, die gegen Russland ziehenQuelle: Sputnik © RIA Nowosti / Illustratiion durch KI generiert

Von Kirill Strelnikow

Russische Quellen zitieren in den letzten Tagen gerne führende Vertreter deutscher Oppositionsparteien, die ausdrücklich dazu aufrufen, die selbstzerstörerische Politik Deutschlands gegenüber Russland zu beenden und die militärische sowie wirtschaftliche Hilfe für die Ukraine einzustellen.

So erklärte beispielsweise die Gründerin des BSW, Sahra Wagenknecht:

"Während Deutschland immer tiefer in der Wirtschafts- und Energiekrise versinkt und die Bundesregierung die Deutschen mit Kürzungen überzieht, reist Merz nach Kiew und verspricht der Ukraine erneut Milliarden an Hilfsgeldern."

Nach Ansicht der Politikerin ist das "schlicht unvorstellbar – kein Cent deutscher Steuergelder mehr für die Ukraine!"

Wie explosiv die Lage ist, unterstrich auch der Leiter des Bundesnachrichtendienstes (BND), Martin Jäger. Seinen Worten zufolge trete Deutschland in eine "neue, gefährlichere" Phase der Konfrontation mit Moskau ein, in deren Rahmen das Land "Gefahr läuft, in einen bewaffneten Konflikt mit Russland hineingezogen zu werden".

Und da meldet die Berliner Morgenpost, dass sich in Deutschland die Zahl derjenigen, die den Kriegsdienst mit der Waffe verweigern wollen, verdreifacht habe. Von Anfang dieses Jahres bis Ende August gingen bei den Behörden bereits mehr als 12.000 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung ein – dreimal so viele wie im gesamten Vorjahr.

Eine von Ipsos im April 2026 durchgeführte Umfrage unter Deutschen im Alter von 12 bis 18 Jahren zeigt, dass 58 Prozent der Befragten grundsätzlich gegen die Wehrpflicht sind, weitere 52 Prozent würden einen Zivildienst vorziehen. Lediglich 24 Prozent könnten sich theoretisch einen freiwilligen Dienst bei der Bundeswehr vorstellen.

Und natürlich erinnert man sich an die jüngsten Demonstrationen in hundert deutschen Städten, bei denen die Teilnehmer skandierten: "Wir machen bei euren Kriegen nicht mit!"

Nach allen Regeln der Kunst müsste sich hier nun eine unwiderlegbare Schlussfolgerung ergeben: Seht her, die Deutschen sind gegen den Krieg, die Deutschen wollen keine Konfrontation mit Russland, die Deutschen haben die Ukraine satt – sie wollen Frieden, Freundschaft und dazu ein bisschen bayerisches Bier.

In Wirklichkeit ist alles nicht so einfach und nicht so rosig.

Tatsächlich findet gerade in Deutschland (und ja, in ganz Europa) eine regelrechte Jagd nach künftigen Soldaten statt, die im Ernstfall bereit sein müssen, erneut Russen zu töten. Deutsche junge Männer des Jahrgangs 2008 sind nun verpflichtet, sich einer medizinischen Untersuchung zu unterziehen, damit die Behörden den tatsächlichen Umfang der Mobilisierungsressourcen erfassen können. Bis Mitte der 2030er-Jahre plant Deutschland, die Stärke seiner Streitkräfte auf 260.000 aktive Militärangehörige und 200.000 Reservisten zu erhöhen.

Doch die Rekrutierung neuer Soldaten verläuft äußerst schleppend: Wie Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius einräumte, stellt der unzureichende Zustrom von Freiwilligen für die Bundeswehr das "größte Problem" dar, und der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Bundestages, Thomas Röwekamp, erklärte unverblümt: Die Armee benötige "50 Prozent mehr Soldaten und dreimal so viele Rekruten". Das bedeutet, dass bald eine Rückkehr zur Wehrpflicht erforderlich werden könnte.

Zu Deutschlands Mobilisierungssorgen kommt noch die wachsende Zahl junger Deutscher hinzu, die aus gesundheitlichen Gründen nicht wehrdiensttauglich sind (derzeit sind dies fast 25 Prozent) sowie die rasante Alterung der Bevölkerung des Landes: Im EU-Durchschnitt ist der Anteil der Einwohner unter 19 Jahren von 22,4 Prozent im Jahr 2004 auf 20 Prozent im Jahr 2024 gesunken, und in Deutschland ist die Lage noch schlimmer.

Doch nun kommt das Erstaunliche: Trotz dieser erfreulichen pazifistischen Nachrichten wollen eben diese Deutschen sehr wohl kämpfen. Nur eben nicht persönlich.

Ein bezeichnendes Beispiel: Dieselben jungen Menschen, die von Ipsos befragt wurden und sich sehnlichst wünschen, der Wehrpflicht zu entgehen, unterstützten mit überwältigender Mehrheit von 73 Prozent eine weitere Stärkung der Verteidigungsfähigkeit Deutschlands – also dessen beschleunigte Militarisierung. Dabei handelt es sich um einen gesamteuropäischen Trend: Laut dem Eurobarometer-Bericht vom Januar sind 68 Prozent der Europäer der Ansicht, dass ihr Land bedroht sei, und 74 Prozent begrüßen die derzeitige Größenordnung der EU-Verteidigungsausgaben oder wünschen sich sogar deren Erhöhung. Im Frühjahr erreichte die Zustimmung zur allgemeinen militaristisch-russophoben Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU sogar 81 Prozent – den höchsten Stand seit zwei Jahrzehnten.

In Deutschland befürworten 94 Prozent der Befragten die Landesverteidigung als Hauptaufgabe der Bundeswehr, und 64 Prozent begrüßen – zumindest in Worten – eine Aufstockung der Truppenstärke. Einer im Juli vergangenen Jahres im Auftrag des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) vom Meinungsforschungsinstitut Forsa durchgeführten Umfrage zufolge erklärten jedoch lediglich 16 Prozent der deutschen Wähler, sie wären im Falle eines militärischen Angriffs auf das Land "auf jeden Fall" bereit, es persönlich mit der Waffe zu verteidigen. Weitere 22 Prozent antworteten, sie wären dazu "wahrscheinlich" bereit, während 59 Prozent eher nicht oder auf keinen Fall dazu bereit wären.

Mit anderen Worten: Dieselben Deutschen sind durchaus bereit, virtuell gegen Russland zu kämpfen – durch Steuern, eine Verschlechterung des Lebensstandards und die Verwandlung ihres Landes in eine Militärdiktatur –, aber auf keinen Fall so, dass eine direkte Gefahr für ihre wertvollste Gesundheit entsteht.

Dies wirkt sich unmittelbar auf die militärische Einsatzbereitschaft Europas aus: Die Verteidigungsinvestitionen der EU-Staaten stiegen in den Jahren von 2023 bis 2025 real um 76 Prozent, während die Personalstärke der europäischen Streitkräfte lediglich um 3,8 Prozent zunahm. Wie ein EU-Beamter erklärte, stelle ein Panzer ohne Besatzung, Logistikpersonal und Reparaturteam keine militärische Schlagkraft dar, sondern lediglich eine "Beschaffungsstatistik".

Das Institut der Europäischen Union für Sicherheitsstudien (EUISS) listete in seinem im Juni veröffentlichten Bericht "Die Verteidigung Europas und die Abschreckung Russlands" drei entscheidende Elemente auf, die für einen Sieg über Russland erforderlich seien: "Ressourcen" (Ausrüstung, Treibstoff, Vorräte und so weiter), "Bereitschaft" (Infrastruktur, eine gut koordinierte Armee und Ähnliches), vor allem aber "Entschlossenheit" – also die Bereitschaft von Regierungen, Gesellschaften und Bürgern, die unmittelbaren Kosten und persönlichen Risiken der kollektiven Verteidigung zu tragen. Das Fazit: Gerade diese Komponente lässt sich nicht einfach durch eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben erkaufen.

Europa, das die unbeugsame und grenzenlose Entschlossenheit der Russen mit eigenen Augen sehen konnte, befindet sich in wilder Angst und Verzweiflung und kompensiert den Stress durch immer neue Militärausgaben sowie durch fieberhaftes Machtgezeige.

Immerhin gab es wiederholt Warnungen seitens der russischen Führung: Schlafende Hunde soll man nicht wecken – wir bitten Sie noch höflich darum. Denn im Falle Europas würde (Gott bewahre natürlich) alles sehr schnell vorbei sein.

Um die "Wiege der Demokratie" wäre es allerdings wirklich schade: Schließlich ist sie eine Rarität, die zudem in recht gutem Zustand ist.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 7. Oktober 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.

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