Heute vor 85 Jahren in Minsk: Hinrichtung der jungen Widerstandskämpfer als Fototermin

Von Wladislaw Sankin
Im okkupierten Teil der Sowjetunion gab es unzählige Hinrichtungen wie diese – schon viele davor und noch mehr danach. Doch ausgerechnet diese Hinrichtung ging in die Geschichte ein. Vor allem, weil sie so gut dokumentiert war: Der gesamte Weg der drei Minsker Widerstandskämpfer in den Tod wurde von einem extra dafür angereisten litauischen Fotografen begleitet. Die Fotos sollten zu Abschreckungszwecken vervielfältigt werden. Der Fototermin am 26. Oktober 1941 in Minsk war die erste mit Fotos dokumentierte Hinrichtung der Wehrmacht in der okkupierten Sowjetunion.
Im Zentrum der Bildserie steht die 17-jährige Minskerin Maria Bruskina. Ihr Bild mit der Schlinge um den Hals wurde zum Fotobeweis für nazistische Gräuel bei den Nürnberger Prozessen. Der Kontrast zwischen dem hübschen, furchtlosen Mädchengesicht und ihren kaltblütigen männlichen Mördern lässt niemanden gleichgültig. Zu sehen sind auf den Bildern ihre Kameraden, der Arbeiter Kirill Trus und der 15-jährige Wolodja Schtscherbatzewitsch.
Eines der Fotos wurde 1997 Teil der berühmten Wehrmachtsausstellung, die damals in der Bundesrepublik einen wunden Punkt getroffen und eine heftige Debatte ausgelöst hatte. Die Journalistin Annegrit Eichhorn erkannte im Mann links ihren Vater, von dem sie bis dahin glaubte, er sei ein ganz normaler Soldat gewesen und kein Henker. Er hieß Karl Scheidemann und fiel am 3. März 1943 bei Wjasma in Russland.

Die dreifache Mutter fiel auf der Ausstellung in Ohnmacht. Später schrieb sie den Artikel "Mein Vater, der Kriegsverbrecher" und veröffentlichte ihn bei der Süddeutschen. Dann beging sie Selbstmord durch Erhängen. Sie starb den gleichen Tod wie Maria, jenes Mädchen auf dem Bild, und weitere elf Untergrundkämpfer, die am 26. Oktober an verschiedenen Orten der Stadt erhängt wurden.
Die deutschen Besatzer begründeten ihre Brutalität damit, dass der Widerstand der Untergrundgruppe bewaffnet war. Maria trug auf dem Weg zum Galgen ein Plakat mit der Aufschrift "Wir sind Partisanen und haben auf deutsche Soldaten geschossen". Das war eine Lüge. Die Gruppe war mit der Rettung der sowjetischen Kriegsgefangenen beschäftigt. Maria war Krankenschwester im Minsker Gefangenenlager. Sie sah das Elend der sowjetischen Kriegsgefangenen und verhalf ihnen zur Flucht.

Wie sie das getan hat, bietet reichlich Stoff für einen abenteuerlichen Kriegsfilm. Über Bekannte in der Stadt besorgte Maria für die Verwundeten Verbandsmaterial, Medikamente und Kleidung. Vor allem aber gelang es ihr, eine Kamera in einem Wäschebeutel versteckt ins Lazarett zu schmuggeln. Mit deren Hilfe wurden gefälschte Dokumente und Bescheinigungen angefertigt.
Indem sie Soldaten der Roten Armee mit Zivilkleidung ausstatteten und ihnen gefälschte Ausweise aushändigten, organisierten die Untergrundkämpfer Fluchtmöglichkeiten aus dem Lazarett und brachten die Gefangenen aus der Stadt heraus. Maria leistete dabei in jeder Hinsicht Unterstützung und fungierte selbst als Fluchthelferin. Viele der Flüchtigen gelangten zu Partisanengruppen. Anderen gelang es, die Frontlinie zu überqueren und zu ihren Einheiten zurückzufinden. So konnten 48 Rotarmisten gerettet werden.

Unter die Geretteten schmuggelte sich ein Provokateur, der die Gruppe schließlich verriet. Alle wurden verhaftet und zum Tode verurteilt. Um die größtmögliche Wirkung der Hinrichtung zu erzielen, wurde aus Kaunas ein professioneller Fotograf mit einem Team von Assistenten herbeigerufen, die jeden Schritt aus verschiedenen Blickwinkeln festhielten, um die Aufnahmen anschließend in der Presse der besetzten Gebiete zu verbreiten.
Während der Kriegsjahre gab es in Minsk ein Fotostudio des ethnischen Deutschen Boris Werner. Dorthin brachte das "Fototeam" aus Kaunas seine Filme zur Entwicklung und zur Anfertigung von Abzügen. Ein Mitarbeiter des Studios fertigte heimlich Kopien der Fotos an und versteckte sie im Keller in einer großen Blechdose. Er kopierte die Aufnahmen auch weiterhin und sammelte so etwa 3.000 Belege für die Gräueltaten der Nazis. Nach der Befreiung der Stadt übergab er sie den sowjetischen Behörden. Dank seines Einsatzes wurden die Aufnahmen veröffentlicht und sind heute Teil des visuellen Menschheitsgedächtnisses – seiner dunkelsten Seite.
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