Meinung

Kampfzeichen der Gleichsetzung

Europa hat einen Weg gefunden, die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs zu revidieren.
Kampfzeichen der GleichsetzungQuelle: RT

Von Fjodor Lukjanow

Es ist schon genug Zeit seit Mai 1945 vergangen, damit der damals zu Ende gegangene Krieg aus einer konkreten Lebenserfahrung der Menschen zu einem Kapitel der Geschichte geworden ist, das nun unterschiedlichen Interpretationen unterliegt. Es leben kaum noch Menschen, die direkt am Zweiten Weltkrieg teilgenommen haben. Auch die Zahl derjenigen, die ihn selbst in sehr jungem Alter miterlebt haben, nimmt rasch ab. Dennoch gibt es auf der internationalen Bühne bis heute keine politisch-rechtliche Grundlage außer jener, die aus den Auseinandersetzungen der 1930er und 1940er Jahre hervorgegangen ist.

Diese Grundlage zerfällt unter dem Druck des Wandels, doch ein Ersatz dafür ist bislang nicht in Sicht. Deshalb operieren die politischen Akteure weiterhin mit Begriffen, die mit dem Trauma des Zweiten Weltkriegs und der nach ihm entstandenen Weltordnung verbunden sind, obwohl sich die Realität längst nicht mehr in die vertrauten Kategorien einordnen lässt.

Der Westen (zu dem in diesem Zusammenhang auch Russland gehört) zog aus den Kriegen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seine Lehren. Vor allem ging es um die Notwendigkeit, ein System internationaler Steuerung zu schaffen, um globale Prozesse unter Kontrolle zu halten und eine Wiederholung katastrophaler Szenarien zu verhindern. Der Konsens auf der Ebene der Ideen beruhte auf der Ablehnung des Nationalsozialismus als absolutem Übel. Selbst in Zeiten äußerster Zuspitzung der Konfrontation zwischen "Kommunismus und Kapitalismus" gab es in dieser Frage keine Meinungsverschiedenheiten.

Die militärisch-politische Krise zwischen Russland und dem Westen (in dessen Lager Europa die erste Geige spielt) zerbricht diese Schemata endgültig, bewahrt jedoch ihre sprachliche Hülle. Und es ist symbolisch, dass die drastische Verschärfung der Rhetorik (Selenskijs Drohungen, den Roten Platz anzugreifen, und die Warnungen Russlands an ausländische Diplomaten in Kiew) gerade im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges erfolgte.

Dabei stellt die Berufung auf das Erbe des Zweiten Weltkriegs selbst ein Element des Konflikts dar. Russland verweist auf die Rehabilitierung des Nationalsozialismus in Europa. Zunächst war von den ehemaligen Sowjetrepubliken, dem Baltikum und der Ukraine die Rede. Dort finden sich die Komplizen der Nationalsozialisten in den nationalen Pantheons wieder, und die politischen Kräfte, die sie fördern, bauen ihren Einfluss aus. Finnlands abrupter Kurswechsel von einer produktiven Zusammenarbeit hin zu einer fast schon härtesten Haltung gegenüber Moskau bestätigte die These einer umgekehrten Transformation. Nun ist Deutschland an der Reihe. Der Kurs auf Aufrüstung, die Absicht, die "stärkste Armee Europas" zu schaffen (bis 2039, was für ein symbolisches Datum!), die radikal antirussische Haltung Berlins sowie das Verbot sowjetischer Symbole lassen vermuten, dass die Grundlagen neu bewertet werden. Und da nichts davon eine entschiedene Reaktion der Europäischen Union hervorruft, drängt sich auch eine allgemeine Schlussfolgerung auf: Die Alte Welt hat die Lehren aus den Weltkriegen hinter sich gelassen und kehrt zu ihrer eigentlichen Natur zurück, für die der Nationalsozialismus keine Ausnahme, sondern die Regel ist – wenn auch in extremer Form.

Die europäische Sichtweise auf das Vorgehen Russlands wird zudem in hohem Maße durch die Übertragung von Ereignissen aus dem Zweiten Weltkrieg auf die Gegenwart geprägt. In den Augen des europäischen Establishments habe Moskau im Jahr 2022 jene Mechanismen zunichte gemacht, die in den vorangegangenen Jahrzehnten geschaffen worden waren, um eine Wiederholung der Tragödien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu verhindern. Der Rückgriff auf das Thema eines "geteilten Volkes", die Veränderung von Grenzen durch militärische Gewalt und die Forderung nach einer Sicherheitszone – all dies sind Fragen, die jahrhundertelang als normal galten und Gegenstand der Diplomatie waren; nach den Weltkriegen wurden sie jedoch nun als Weg in die Katastrophe angesehen. Daraus resultiert die Weigerung der Europäer, mit Russland in einen Dialog zu treten – das Schlagwort "Beschwichtigung des Aggressors" und "das Gespenst des Münchner Abkommens" versperren jeglichen Kontakten den Weg. Schon die bloße Absicht eines europäischen Staats- oder Regierungschefs, "Putin anzurufen", gilt in der EU als außerordentlich mutig und gegenüber dem Kreml als geradezu großzügige Geste – selbst dann, wenn der Inhalt eines solchen Gesprächs nur in der Wiederholung längst bekannter Forderungen besteht.

Das "Allheilmittel" des Kalten Krieges, auf das man in den schwierigsten Momenten zurückgriff – die Erinnerung an den gemeinsamen Kampf gegen das absolute Übel –, wirkt längst nicht mehr. Beide Seiten sind überzeugt, dass sie die Ideale verteidigen, für die sie an den Fronten des Zweiten Weltkriegs gekämpft hätten, während der Gegner diese Ideale verraten habe.

Es wäre jedoch eine Vereinfachung, davon auszugehen, dass der Nationalsozialismus in Europa wiederauflebt. Deutschlands westeuropäische Nachbarn, die einst angegriffen und besetzt wurden, ändern ihre Haltung zu diesen Ereignissen nicht. Auch Polen tut dies nicht, dessen Politik in den letzten zwei Jahrzehnten wiederholt einen stark antideutschen Kurs annahm. Das Thema der Wiederbelebung der deutschen Militärmacht weckt bei vielen schmerzhafte Erinnerungen. Die politische Klasse der Bundesrepublik bewegt sich bislang ebenfalls innerhalb der nach dem Zweiten Weltkrieg festgelegten Grenzen: Sie reagiert weiterhin mit Abscheu auf jene Kräfte, in denen sich Schatten der nationalsozialistischen Vergangenheit erkennen lassen (wobei die Vorwürfe gegen die Partei "Alternative für Deutschland" wegen ihrer ideologischen Nähe zu den Nationalsozialisten die Gesellschaft offenbar immer weniger beeindrucken). Südeuropa kann man in diesem Zusammenhang weitgehend ausklammern; es lebt sein eigenes Leben und folgt dem gesamteuropäischen Ruf nach antirussischer Solidarität nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

Die nachsichtige Haltung gegenüber den ehemaligen Sowjetrepubliken, die mit einem Nationalismus "liebäugeln", dessen Wurzeln offensichtlich im Nationalsozialismus liegen, hängt mit der Wahrnehmung dieser Länder als "Opfer des russischen Imperialismus" zusammen: Man könne ihnen ihre Exzesse verzeihen, schließlich hätten sie so viel gelitten … Die Europäer betrachten dies nicht als Abkehr vom bisherigen Ansatz, zum Teil auch aus Überheblichkeit: Im Grunde genommen hätten die "Kleinen" ohnehin kein wirkliches Gewicht. Dies ist jedoch eine Illusion, da sich der Einfluss der Länder des ehemaligen Ostblocks auf die gesamteuropäischen Ansätze als unverhältnismäßig groß im Verhältnis zu ihrem objektiven Gewicht erweist.

Doch das Hauptproblem ist nicht die Rehabilitierung des Nationalsozialismus, sondern die Tatsache, dass der Kommunismus zunehmend mit ihm gleichgesetzt wird. Dies führt dazu, dass die UdSSR beziehungsweise Russland mit dem Dritten Reich auf eine Stufe gestellt wird.

Dies nahm seinen Anfang bereits vor dem Jahr 2022: Die vom EU-Parlament im Jahr 2019 verabschiedete Resolution, die der Sowjetunion eine Mitverantwortung für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zuschrieb, fiel auf einen bereits vorbereiteten ideologischen Boden. Für die westlichen Alliierten war es stets etwas unbehaglich, dass sie für den Sieg ein Bündnis mit Stalin benötigten. Nun können sie dies aus ihrem historischen Gedächtnis löschen. Einige Jahre später wird diese Resolution von 2019 in den Schulen der Europäischen Union als offizielle Darstellung des Krieges gelten: Die westlichen Demokratien hätten gegen einen totalitären Block gekämpft und unter enormer Kraftanstrengung gesiegt.

In diese Darstellung passt auch das Narrativ der ehemaligen kommunistischen Länder, wonach sie unter "zwei Totalitarismen" gelitten hätten. Ein weiterer Faktor, der diese Neubewertung untermauert, ist die Politik Israels. Die Zunahme antiisraelischer Stimmungen untergräbt eine tragende Säule der kanonischen Wahrnehmung des Zweiten Weltkriegs als europäische – die Erinnerung an den Holocaust und die kollektive Verantwortung dafür.

Für den Großteil der Weltbevölkerung außerhalb der westlichen Einflusssphäre hatten die Weltkriege andere Folgen. Sie führten zum Zerfall des Kolonialsystems, zur Entstehung zahlreicher neuer Staaten und zu deren allmählich wachsendem Einfluss auf internationale Prozesse. Die moralisch-ideologische Spannung, die die Konfrontation in Europa – genauer gesagt im nördlichen Teil der nördlichen Hemisphäre – bestimmte, berührt die ehemalige "Dritte Welt" kaum. Selbst das Vorgehen der Japaner, die in der von ihnen proklamierten "Großostasiatischen Wohlstandssphäre" (Ost- und Südostasien) eine äußerst düstere Erinnerung hinterließen, nahm als Nebenwirkung den Zerfall der dortigen westlichen Kolonialsysteme vorweg.

Es wird immer schwieriger, das Thema Krieg auf der internationalen Bühne zu thematisieren. Was den Westen betrifft, so scheint ein Einvernehmen wohl kaum noch erreichbar zu sein. Im Hinblick auf die Weltmehrheit muss der Kontext jedoch ein anderer sein: Der Zweite Weltkrieg stellt ein Beispiel für den unumkehrbaren moralisch-politischen Bankrott Europas und den Verlust seiner langjährigen Vorherrschaft dar.

In Russland werden der Große Vaterländische Krieg und die Rolle unseres Landes im Zweiten Weltkrieg weiterhin zu den Grundlagen der Identität gehören, die für das Selbstverständnis und die Wahrnehmung der Welt von grundlegender Bedeutung sind. Mit dem Zerfall des früheren – auf den Ergebnissen des Zweiten Weltkriegs basierenden – Systems verändert sich auch die Funktion dieser Ergebnisse selbst. Sie dienen nicht mehr dem internationalen Zusammenleben, sondern dem Selbstverständnis – um an der Gestaltung der nächsten Weltordnung in dem Bewusstsein mitzuwirken, im Recht zu sein, und nicht aus der Position heraus, jemandem etwas beweisen zu müssen.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 9. Mai 2026 zuerst auf der Homepage von "Russia in Global Affairs" erschienen.

Fjodor Lukjanow ist Chefredakteur von "Russia in Global Affairs", Vorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik und Forschungsdirektor des Internationalen Diskussionsklubs "Waldai".

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