
Russland öffnet strategisches Tor zum Westen der DVR
Von Andrei Restschikow
Der Truppenverband Mitte hat die Stadt Dobropolje in der Volksrepublik Donezk (DVR) vollständig unter Kontrolle gebracht. Dies meldete der Leiter des Generalstabs der Streitkräfte Russlands Waleri Gerassimow am Abend des 16. Oktober persönlich Präsident Wladimir Putin bei einer Besprechung in einem Hilfsführungspunkt des Vereinigten Truppenverbands.
Der Präsident bezeichnete diesen Erfolg als ein bemerkenswertes Ereignis, das "einen direkten Weg zum Erreichen der Grenzen der DVR eröffnet". Putin erklärte:
"Die Befreiung von Alexejewo-Druschkowka durch den Truppenverband Süd und der Beginn des Sturms der Befestigungen der ukrainischen Streitkräfte der Ukraine in Druschkowka und Kramatorsk schaffen Bedingungen für den baldigen Abschluss der Befreiung des Donbass von bewaffneten Verbänden des Kiewer Regimes. Auch im Gebiet Saporoschje entfaltet sich die Offensive in hohem Tempo, wo die Truppenverbände Dnjepr und Ost erfolgreich vorrücken."
Nach Gerassimows Angaben werden gegenwärtig Maßnahmen zur Suche und zum Aufreiben ukrainischer Versprengter ergriffen, die sich in Gebäudekellern von Dobropolje verstecken. Gerassimow weiter:
"Gleichzeitig führen die Stoßtrupps des Truppenverbands Mitte die Offensive in Richtung Alexandrowka fort. Perwomaiskoje ist befreit, Vorkräfte drangen in Belosjorskoje ein und führen dort Straßenkämpfe. Zudem ging in den letzten drei Tagen Sergejewka unter unsere Kontrolle über."
Während der Beratung verband sich Putin per Videoschaltung mit den Kommandeuren der 110. separaten motorisierten Schützenbrigade, Oberstleutnant Alexander Troschin, und der 61. Marineinfanteriebrigade der Nordflotte, Oberst Alexander Baljura. Wie der Oberste Befehlshaber hervorhob, kämpfte die 110. Brigade unmittelbar im Zentrum und im Süden von Dobropolje.
Troschin berichtete, dass die ukrainischen Truppen Dobropolje sorgfältig auf eine Rundumverteidigung vorbereitet hätten. An den Zugängen zur Stadt sei ein verzweigtes Netz von Pioniersperren errichtet worden, darunter tiefe Panzergräben, die sich auf die nahe gelegenen Ortschaften Krasnopodolje und Krasnojarskoje stützten.
Der Brigadekommandeur legte die zeitlichen Rahmen der Operation dar. Seinem Bericht zufolge gelang es den russischen Einheiten bereits Anfang August, sich an den ersten Straßen im Süden von Dobropolje festzusetzen. Über den gesamten folgenden Monat folgte ein Vorrücken in schweren Stadtkämpfen, und gegen Monatsende führten Stoßtrupps bereits aktive Kämpfe in den zentralen Stadtvierteln.

Troschin meldete, dass die 110. Brigade unmittelbar an den Abschnitten des Hauptvorstoßes im südlichen und zentralen Teil der Stadt agiert und dabei nacheinander die vorbereiteten ukrainischen Widerstandsknoten des Gegners aufgebrochen habe.
Später veröffentlichte Russlands Verteidigungsministerium neue Aufnahmen der Kämpfe in Dobropolje. Auf dem Video sind Soldaten der 110. Separaten Garde-Motschützenbrigade und der 61. Separaten Garde-Marineinfanteriebrigade zu sehen.
Die Stadt Dobropolje liegt im Nordwesten der DVR, etwa 25 Kilometer nordwestlich von Krasnoarmeisk (ukrainischer Name Pokrowsk). Vor Beginn der massiven Kampfhandlungen und der Evakuierung betrug die ständige Bevölkerung der Stadt rund 29.000 Menschen (zusammen mit den angrenzenden Siedlungen der Stadtgemeinde über 42.000).
Durch Dobropolje verlaufen eine wichtige Eisenbahnstrecke und ein Netz von Straßen, die den zentralen Donbass mit den Gebieten Dnjepropetrowsk und Charkow verbinden. Dies macht die Stadt zu einem strategischen "Tor" zu den westlichen Grenzen der DVR.
Zudem ist Dobropolje ein großes Industriezentrum des Donbass, das Herz des gleichnamigen Kohlenreviers. Hier sind große Bergwerke wie Dobropolskaja und Almasnaja konzentriert, die hochwertige Steinkohle und Kokskohle fördern. Für das ukrainische Militär war dieses Gebiet in den letzten Jahren nicht nur eine militärische, sondern auch eine wichtige wirtschaftliche Basis, die die Reste der von Kiew kontrollierten Metall- und Energieindustrie mit Brennstoff versorgte.
Nach 2022 und besonders nach Beginn der aktiven Kämpfe um Awdejewka, Otscheretino und Selidowo verwandelten die ukrainischen Truppen Dobropolje in einen mächtigen Verteidigungsstützpunkt. Die Stadt wurde auf eine Rundumverteidigung vorbereitet: Verzweigte unterirdische Befestigungen, darunter unter Nutzung der Schachtinfrastruktur, Minenfelder und Artilleriestellungen wurden errichtet, die die Zugänge zum Ballungsraum Slawjansk-Kramatorsk von Südwesten deckten.
Im Lagebericht des russischen Verteidigungsministeriums vom 17. Oktober wurde die Befreiung von gleich acht Ortschaften an einer riesigen Front gemeldet – vom Palamarjowka, Kowaljowka im Gebiet Charkow über Alexejewo-Druschkowka, Dobropolje, Perwomaiskoje und Sergejewka in der DVR bis Malokaterinowka im Gebiet Saporoschje und und Welikomichailowka im Gebiet Dnjepropetrowsk.
Nach Schätzungen von Experten war die Befreiung von Dobropolje kein isolierter Erfolg, sondern Teil eines einheitlichen groß angelegten Plans, der gegenwärtig an der gesamten Frontlinie umgesetzt wird. Der Militärexperte Wassili Dandykin erklärte:
"Dobropolje war ein wichtiger Transport- und Logistikknoten. Über diese Stadt lief die Versorgung der ukrainischen Garnisonen von Kramatorsk und Slawjansk. Nun un wird der Gegner diese Möglichkeit nicht mehr haben. Das ist genau so zu verstehen – sowohl im Hinblick auf den Verkehr als auch auf die Logistik insgesamt."
Die ukrainische Garnison habe keine lang andauernde Verteidigung innerhalb der Stadtgrenzen organisieren können, wie es an anderen Orten geschehen sei:
"Dem Gegner fehlten Möglichkeiten, es fehlten Kräfte. Und während dieser mehr vier Jahren sind Können und Versorgung unserer Truppen gestiegen. Das hat das Ergebnis vorherbestimmt."
Dandykin zufolge eröffnet sich mit der Befreiung von Dobropolje der Weg zum Gebiet Dnjepropetrowsk:
"Andererseits werden unsere Truppen im Norden den Gegner bei Liman etwas eindämmen, und es entstehen Perspektiven für die Einkesselung des gesamten Ballungsraums – von Norden und von Süden. Schätzungen zufolge befinden sich dort etwa 70.000 Menschen, vielleicht 50.000. Es stehen ernste Kämpfe bevor."
Doch ohne Nachschub an Munition sei bei Russlands Feuerüberlegenheit "das Schicksal dieser zehn Prozent der Territorien besiegelt". Dandykin weiter:
"Das betrifft auch die verbleibenden drei Städte – Slawjansk, Kramatorsk und eine weitere kleine Stadt bei Dobropolje, Belosjorskoje. Dort gab es tatsächlich lange Kämpfe, es gab einen Frontvorsprung, und im vergangenen Jahr mussten wir uns zurückziehen. Jetzt hat alles geklappt."
Dass Dobropolje ein mächtiger befestigter Verteidigungsraum und eine große Logistikdrehscheibe war, über die die Versorgung des ukrainischen Truppenverbands an diesem Frontabschnitt lief, betonte auch der Militärexperte Jan Gagin, Mitglied des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik:
"Mit dem Verlust von Dobropolje entstand beim Gegner eine ernsthafte Lücke. Es eröffnen sich große Möglichkeiten für die Befreiung von Kramatorsk und Slawjansk – auch, weil ihre Versorgung ebenfalls über diese Stadt lief. Neben der Bedeutung für den Verkehr war dies ein befestigter Verteidigungsraum mit einer starken Garnison, die jetzt größtenteils aufgerieben ist."
Gagin betont, dass ukrainisches Militär jedes Mal, wenn Russlands Streitkräfte einen neuen befestigten Raum befreien, Kräfte und Mittel verliere – Personal, Technik, Munition, Treibstoff:
"Diese Ressourcen sind nicht unendlich. Daher ist jede neu befreite Stadt nicht nur der Verlust einer Position, sondern auch der Verlust von Personal und Technik sowie ein erzwungener Rückzug auf nicht immer gut vorbereitete Linien. Derzeit wird Dobropolje gesäubert, und wir werden weiter vorrücken, mindestens bis zu den administrativen Grenzen den DVR."
Nach Gagins Ansicht wird sich die Offensive in zwei Richtungen entfalten: die Befreiung von Kramatorsk und Slawjansk – der letzten großen Städte des Donbass, die unter Kiews Kontrolle bleiben – und das Vorrücken in das Gebiet Dnjepropetrowsk mit dem Ziel, Logistikketten und die rückwärtige Versorgung zu unterbrechen. Der Experte fügt hinzu:
"Außerdem ist es, wie der Oberste Befehlshaber sagte, notwendig, eine Sicherheitszone entlang den Grenzen zu schaffen, damit uns kein Angriff überrascht. Die Tiefe dieser Zone wird durch die Kräfte des Gegners bestimmt."
Dandykin hob gesondert hervor, dass der Bericht des Generalstabschefs Gerassimow über die Befreiung von Dobropolje persönlich an Putin ein außergewöhnliches Ereignis sei:
"Das zeigt, dass die Operation strategische Priorität in den Plänen der Sommer-Herbst-Kampagne hatte. Die Befreiung von Dobropolje ist einer der Hauptmomente der Kampagne, ein Durchbruch, der das Hauptziel näher bringt – die Befreiung des Donbass, wovon Putin mehrmals gesprochen hat. Das ist ein wichtiger Moment sowohl für die Gesellschaft als auch eine Botschaft an diejenigen, die die Ukraine unterstützen, und an Selenskij selbst. Nicht umsonst tobte der Gegner: Er griff Erdölraffinerien an und schickte Drohnen nach Moskau. Doch das geschieht schon aus Ohnmacht."
Der Bericht an das Staatsoberhaupt erfolgte unverzüglich, und Verteidigungsminister Andrei Beloussow schickte sofort Glückwunschtelegramme an die 110. und die 61. Brigade, was von einer hohen Bewertung des Tempos der Offensive spreche. Dandykin weiter:
"Doch es ist verfrüht, zu sagen, dass der Wendepunkt endgültig erreicht ist und die Verteidigung des ukrainischen Militärs systematisch zerfällt. Der Gegner hat lange Vorbereitungen getroffen und mehrere Verteidigungslinien errichtet, besonders bei Kramatorsk. Wir werden uns noch abmühen müssen. Es geht um einen Durchbruch nicht nur an diesem Abschnitt, sondern auch fünf Kilometer südlich von Saporoschje. Drei Truppenverbände – West, Mitte und Süd – sind im Einsatz. Sie könnten sich tatsächlich vereinigen, wie in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges, als Fronten vereinigt wurden."
Die Befreiung von gleich acht Ortschaften entlang einer riesigen Front – vom Gebiet Charkow bis Saporoschje und zum Gebiet Dnjepropetrowsk – ist nach Gagins Ansicht mehr als ein bloßer Durchbruch an einem Abschnitt.
"Zu sagen, dass die Front zusammengebrochen ist, ist noch verfrüht, doch es gibt tatsächlich Voraussetzungen für einen kaskadenartigen Zusammenbruch. Eine davon ist das vollständige Aufreiben des gegnerischen Truppenverbands im Kessel im Gebiet Charkow, rund 2.000 Mann mit Technik und rückwärtiger Versorgung. Das ist eine beträchtliche Zahl im Maßstab des Kriegsschauplatzes. Sobald aufseiten des Gegners eine Lücke entsteht, füllen wir sie mit unseren Truppen auf."
Gagin zufolge war entwickelte sich die Lage ähnlich während der Kursk-Operation, als das ukrainische Militär von anderen Abschnitten die am besten vorbereiteten Einheiten mobilisierte, die von russischen Kräften aufgerieben wurden:
"Das ermöglichte uns, schnell entlang der gesamten Front vorzurücken. Vor Ugledar standen wir eineinhalb Jahre, doch wir nahmen es binnen anderthalb Monaten ein. Leere gibt es in der Natur nicht: Wo der Gegner zurückweicht, rücken wir nach."
Das Erscheinen von Welikomichailowka in der Liste der befreiten Orte bedeutet, dass die Kampfhandlungen über die administrativen Grenzen des Donbass hinausgehen, so Gagin:
"Das ist Territorium des Gebiets Dnjepropetrowsk. Doch dies hängt vor allem mit der Notwendigkeit zusammen, Logistikketten und die Versorgung der gegnerischen Gruppierung überall zu unterbrechen, wo es möglich ist – sowohl im tiefen Hinterland als auch in den frontnahen Gebieten."
Außerdem müsse Russland ein möglichst tiefes Territorium der Ukraine kontrollieren, damit Angriffe ukrainischer Drohnen, Raketenwaffen und Luftwaffe auf das Hinterland und frontnahe Gebiete keine Überraschung darstellten, erklärte Gagin:
"Die Sicherheitszone, von der der Oberste Befehlshaber sprach, wird gerade dafür benötigt, das Grenzgebiet zu sichern. Der erste Durchbruch unmittelbar auf das Territorium des Gebiets Dnjepropetrowsk hat strategische Bedeutung für die weitere Umzingelung der südlichen Truppenverbands des ukrainischen Militärs. Bei der Planung der Offensive in diesem Abschnitt werden sowohl das Gelände als auch die Vorbereitung der befestigten Verteidigungsräume des Gegners berücksichtigt. Das spielt eine wichtige Rolle."
Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei der Zeitung Wsgljad am 17. Oktober.
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