Alice Weidel hat Wien nicht zufällig als Schauplatz für ihr ZDF-Sommerinterview gewählt. Die AfD-Chefin nutzte ihren Aufenthalt in der österreichischen Hauptstadt für Gespräche mit der FPÖ und suchte dabei ganz konkrete Erfahrungen für die eigene Partei. In der Tageszeitung Der Standard wird ihr Besuch als Suche nach "Rezepten fürs Regieren" beschrieben. Weidel selbst sagte, die AfD könne "sehr viel von der FPÖ lernen".
Für die AfD ist die FPÖ längst mehr als eine politische Schwesterpartei. Die Freiheitlichen haben in Österreich über Jahre eine starke Wählerbasis aufgebaut und verfügen inzwischen über umfangreiche Erfahrungen in der Regierungsarbeit auf Landesebene. Genau diesen Erfahrungsschatz will Weidel für die AfD nutzen. Im Mittelpunkt stehen Koalitionsverhandlungen, die Vorbereitung auf Regierungsaufgaben und die praktische Umsetzung politischer Vorhaben nach einem Wahlerfolg.
Dieser Austausch blieb nicht bei allgemeinen politischen Gesprächen. Weidel traf in Wien FPÖ-Vizeklubchefin Susanne Fürst und Generalsekretär Christian Hafenecker. Dabei ging es unter anderem um Erfahrungen aus Regierungsbeteiligungen auf Landesebene, Koalitionsverhandlungen und die praktische politische Arbeit. Die FPÖ konnte der AfD damit Einblicke in einen politischen Alltag geben, den die deutsche Partei bislang selbst nicht kennt.
Gerade dieser Unterschied macht den Besuch für die AfD interessant. Während die AfD in Deutschland weiterhin Oppositionspartei ist, hat die FPÖ bereits Erfahrungen mit Regierungsarbeit gesammelt. Weidel kann in Wien deshalb auf konkrete Abläufe und Erfahrungen zurückgreifen, die sich nicht aus Wahlprogrammen oder Wahlkampfauftritten ableiten lassen. Der Blick richtet sich auf das, was nach einem Wahlerfolg kommt und wie eine Partei ihre politischen Ziele anschließend in Regierungshandeln übersetzt.
Das Verhältnis zwischen AfD und FPÖ reicht zudem viele Jahre zurück. Bereits 2017 besuchten Alice Weidel und Alexander Gauland den damaligen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache in Wien. Schon damals sagte Weidel, die AfD könne enorm viel von der FPÖ lernen. Unter Herbert Kickl wurden die Kontakte weiter ausgebaut. Im Jahr 2023 traten Kickl und Weidel in Wien gemeinsam auf und unterstrichen ihre enge politische Zusammenarbeit.
Inzwischen geht es um mehr als gemeinsame Auftritte. AfD und FPÖ tauschen sich über Migration, Sicherheit und Bildung aus und pflegen Kontakte auf verschiedenen politischen Ebenen. Für die AfD sind dabei vor allem die Erfahrungen der FPÖ interessant, die bereits mehrere Regierungsbeteiligungen auf Landesebene durchlaufen hat. Auch Berichte über die Vorbereitung der AfD auf eine mögliche Regierungsverantwortung verweisen auf Kontakte und Unterstützung aus Österreich.
Politisch liegen beide Parteien in vielen Bereichen auf einer ähnlichen Linie. Dazu gehören eine strengere Migrationspolitik, ein stärkerer Grenzschutz und eine kritischere Haltung gegenüber einer weiteren europäischen Integration. Hinzu kommen Widerstand gegen klimapolitische Vorgaben, die aus Sicht von AfD und FPÖ den Industriestandort belasten, sowie ein stärkerer Fokus auf nationale wirtschaftliche Interessen.
Auch beim ZDF-Sommerinterview blieb Weidel bei diesem Kurs. Sie kritisierte die deutsche Migrationspolitik, forderte die Rückführung von Menschen ohne Bleibeperspektive und kündigte einen möglichen Ausstieg Deutschlands aus dem Schengen-Raum an. Ihre Kritik am Euro bekräftigte sie ebenfalls. Die Gemeinschaftswährung sei aus ihrer Sicht mit einer Umverteilung verbunden, die Deutschland schade.
Ihre Aussagen zur FPÖ fielen dabei ungewöhnlich positiv aus. Weidel lobte die Arbeit der Freiheitlichen und hob insbesondere den steirischen Landeshauptmann Mario Kunasek hervor. Die dortige Landesregierung mache einen "unglaublich guten Job", sagte die AfD‑Chefin. Von dieser politischen Arbeit könne die AfD viel lernen.
Für Weidel geht es dabei nicht nur um einzelne politische Maßnahmen. Die FPÖ hat über Jahre eine stabile Wählerbasis aufgebaut und ihren Einfluss in Österreich ausgedehnt. Die Partei zeigt, dass eine politische Kraft rechts der traditionellen Mitte auch nach Jahren politischer Abgrenzung ihren Platz im politischen System behaupten und Regierungsverantwortung übernehmen kann. Genau diese Erfahrungen nimmt die AfD in den Blick.
Das gilt auch für die Vorbereitung auf eine zukünftige Regierungsbeteiligung. Die AfD baut eigenes Personal auf, bereitet Mitarbeiter auf Aufgaben in Ministerien vor und arbeitet an den organisatorischen Strukturen für eine künftige Regierungsarbeit. Dabei kann sie auf die Erfahrungen der FPÖ zurückgreifen. Die Freiheitlichen kennen die Abläufe aus eigener Praxis und verfügen über Erfahrungen mit Koalitionsverhandlungen und Regierungsbeteiligungen.
Auch die persönliche Verbindung zwischen Weidel und Kickl gehört inzwischen zum politischen Alltag beider Parteien. Die Zusammenarbeit wurde über Jahre gepflegt und auf Veranstaltungen in Deutschland und Österreich sichtbar gemacht. Beim 70. Geburtstag der FPÖ in der Wiener Hofburg waren Weidel und Tino Chrupalla ebenso vertreten wie internationale politische Gäste. Damit steht die Verbindung zwischen AfD und FPÖ auch im größeren europäischen Netzwerk konservativer und rechter Parteien.
Für die AfD ist Österreich deshalb ein naheliegender Blickpunkt. Die politischen Rahmenbedingungen sind zwar nicht identisch mit denen in Deutschland, doch die FPÖ verfügt über Erfahrungen, die Weidel für ihre eigene Partei nutzen kann. Der Wien-Besuch verbindet deshalb politische Nähe mit einem praktischen Interesse an Regierungsarbeit.
Weidels Wien-Besuch war damit mehr als ein Treffen zwischen zwei politischen Schwesterparteien. Die AfD schaut auf die FPÖ, weil die Freiheitlichen einen politischen Weg gegangen sind, den die AfD in Deutschland noch vor sich hat. Von der Mobilisierung der Wähler über den Aufbau eigener Strukturen bis zur Vorbereitung auf Regierungsaufgaben bietet Österreich Erfahrungen, die Weidel für ihre Partei nutzen möchte.
Für Alice Weidel ist die FPÖ längst mehr als eine befreundete Schwesterpartei. Die Freiheitlichen haben vorgemacht, wie sich eine Partei über Jahre eine starke Wählerbasis aufbaut, politische Widerstände überwindet und schließlich Regierungsverantwortung übernimmt. Weidel interessiert deshalb vor allem die praktische Erfahrung der FPÖ. In Wien sucht sie nach "Rezepten fürs Regieren" und nach Erkenntnissen, die der AfD auf dem Weg von der Opposition in die Regierung helfen können. Im Mittelpunkt stehen Koalitionen, Personal und die Organisation einer künftigen Regierungsarbeit.
Der Blick auf Mitteleuropa zeigt zugleich, dass AfD, FPÖ und SVP inzwischen über eine erhebliche politische Stärke verfügen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz zählen sie zu den Parteien mit den größten Wählergruppen. Migration, Grenzschutz, Sicherheit, Energiepreise und nationale Souveränität gehören zu den Themen, mit denen sie viele Menschen erreichen. Ihre Erfolge zeigen, dass diese Positionen längst nicht mehr nur ein Randthema der politischen Landschaft sind.
Damit geraten die etablierten Parteien stärker unter Druck. Immer mehr Wähler suchen Alternativen zu den bisherigen politischen Angeboten und wenden sich Parteien zu, die einen klareren Kurs versprechen. Berlin, Wien und Bern stehen deshalb für einen politischen Wandel, der weit über einzelne Umfragen hinausreichen könnte. AfD, FPÖ und SVP haben die politische Mitte bereits spürbar nach rechts verschoben und könnten ihren Einfluss in den kommenden Jahren weiter vergrößern.
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