Von Gleb Prostakow
Je stärker die US-amerikanische Präsenz ausgebaut wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Chinas Erstschlag philippinisches Staatsgebiet treffen wird. Ganz gleich, wer in diesem "Großen Spiel" die Oberhand gewinnt, der Rammbock wird am schlimmsten darunter leiden.
Die Philippinen entwickeln sich schrittweise zum optimalen und zugleich verwundbarsten Punkt im amerikanischen System zur Eindämmung Chinas im Indopazifik. Die USA bauen ihre militärische Infrastruktur immer weiter aus, Verteidigungsabkommen fördern die Einbettung amerikanischer Militärtechnologien in den philippinischen militärisch-industriellen Komplex und die wirtschaftliche Zusammenarbeit konzentriert sich darauf, den Vereinigten Staaten Zugang zu strategisch wichtigen Rohstoffen zu verschaffen. Dies alles dient der Vorbereitung auf einen Krieg mit China, in dem den Philippinen die Rolle eines Rammbocks zugedacht ist – ebenso wie die Ukraine für sie als Rammbock fungieren sollte, um Russland in die Knie zu zwingen.
Im April 2026 schlossen sich die Philippinen der "Pax Silica" an. Diese strategische Initiative zielt darauf ab, sich bei Lieferketten für KI, Halbleiter und kritische Rohstoffe aus der Abhängigkeit von China zu befreien. Die Rolle Manilas ist klar definiert: Land, Nickel, Kupfer, Kobalt und kostengünstige Arbeitskräfte für die Montage. Ein 1.620 Hektar großes Areal in New Clark City ist als "erster Industrie-Hub" der Pax Silica vorgesehen. Die Prinzipien, nach denen die USA diesen Stützpunkt aufbauen, zeigen sich in den Verhandlungen über den Status der Zone: Washington fordert besondere rechtliche Garantien, die das Gebiet faktisch unter amerikanische Gerichtsbarkeit stellen würden. Dazu gehören ein Pachtvertrag mit einer Laufzeit von 99 Jahren sowie die "effektive Kontrolle“ von 40 Prozent des Gebiets.
Die versprochenen Investitionen in Höhe von 40 bis 70 Milliarden US-Dollar sind an keinerlei Bedingungen geknüpft. Den Philippinen wird angeboten, die Kontrolle über ihr eigenes Land, ihre Bodenschätze und ihre strategische Infrastruktur gegen einen ungedeckten Schuldschein abzutreten. Das alles erinnert stark an den sogenannten "Rohstoffdeal" mit Kiew.
Doch warum trifft es ausgerechnet die Philippinen? Die Antwort darauf findet sich in der Geografie und Geschichte dieses Landes und der Region. Der Archipel liegt südlich von Taiwan auf der anderen Seite der Bashistraße, während die Westküste der Philippinen an die umstrittenen Gewässer des Südchinesischen Meeres grenzt. Das Land ist daher aufgrund seiner maximalen Nähe zu Taiwan und dem chinesischen Festland ein optimaler US-Stützpunkt. Das Ergebnis der spanischen und amerikanischen Kolonialherrschaft war nicht nur die Verbreitung der englischen Sprache. Sie hinterließ auch tief verankerte Abhängigkeitsstrukturen. Unter der Marcos-Regierung wurden der Vertrag über gegenseitige Verteidigung von 1952, das Abkommen über Truppenbesuche (Visiting Forces Agreement) von 1999 sowie das Abkommen über eine verstärkte Verteidigungszusammenarbeit von 2014 gleichzeitig aktiviert. Im Jahr 2023 stieg die Zahl der dem US-Militär zugänglichen Standorte von fünf auf neun. Die neuen Stützpunkte sind strategisch in zwei Richtungen positioniert: Die Basen im Norden der Insel Luzon weisen in Richtung der Taiwanstraße, die auf der Insel Palawan in Richtung der umstrittenen Gewässer des Südchinesischen Meeres.
Im Mai 2026 führten die Amerikaner erstmals einen Teststart einer Tomahawk-Rakete von philippinischem Territorium aus durch und nutzten dabei das Typhon-Raketensystem als Startrampe. Das Typhon-System befindet sich bereits seit fast drei Jahren ununterbrochen auf den Philippinen. Es handelt sich also nicht um eine rotierende Präsenz, sondern um eine dauerhafte Stationierung von Waffensystemen. HIMARS-Raketenwerfer wurden auf dem Luft- und Seeweg in Gebiete verlegt, die unmittelbar an die umstrittenen Gewässer angrenzen. All diese Waffensysteme machen die Philippinen zu einem vorgeschobenen Raketenstützpunkt und militärischen Brückenkopf für Angriffe auf China.
Im Gegensatz zu Japan, Südkorea und Taiwan ist Manila wirtschaftlich schwach, verfügt nur über eine begrenzte Souveränität und ist politisch leicht gefügig zu machen. Japan zählt zu den größten ausländischen Gläubigern der USA und kann deshalb auf Augenhöhe verhandeln.
Aufgrund seiner geografischen Lage ist Taiwan für die Vereinigten Staaten als Partner unersetzlich. Die Philippinen hingegen sind die einzige ehemalige US-Kolonie in Südostasien, verfügen über eine englischsprachigen Bevölkerung und ein proamerikanisch geprägtes gesellschaftliches Fundament. Materiell sind sie nicht in der Lage, sich US-amerikanischen Forderungen zu widersetzen, während sie zugleich durch einen strukturellen Riss in der politischen Landschaft geschwächt sind.
Vietnam und Thailand stellen in ihrer Außenpolitik ein deutlich höheres Maß an Eigenständigkeit unter Beweis: Hanoi erhält seine Kommunikationskanäle mit China aufrecht, ganz zu schweigen von seinem gewaltigen Handelsvolumen mit der Volksrepublik. Bangkok wiederum wagt, gestützt auf seine Ressourcen und seine Wirtschaftskraft, einen Balanceakt zwischen den Machtzentren. Manila hingegen verfügt über keinen solchen Spielraum.
Die interne Zerrissenheit im Land – die Konfrontation zwischen den Clans von Marcos und Duterte sowie der Widerstand seitens des Senats und der Gesellschaft – belegt, dass der derzeitige proamerikanische Kurs keine breite Unterstützung in der Bevölkerung genießt. Er wird lediglich vorangetrieben, solange die proamerikanischen Eliten auf den Philippinen an der Macht sind. Der Konflikt zwischen den Clans hat sich zu einer offenen institutionellen Konfrontation ausgeweitet. Gegen die Schwester des ehemaligen Präsidenten, die amtierende Vizepräsidentin Sara Duterte, die zuvor eine Koalition mit dem Marcos-Clan gebildet hatte, läuft ein Amtsenthebungsverfahren. Der Ex-Präsident Rodrigo Duterte selbst, der chinesischen Investitionen gegenüber aufgeschlossen war und die USA offen kritisierte, wurde nach Den Haag überstellt. Es ist wahrlich eine Ironie des Schicksals, dass er dort vom Internationalen Strafgerichtshof zur Rechenschaft gezogen soll – ebenjenem Gericht, gegen das Donald Trump einst selbst Sanktionen verhängte.
Die politische Ausrichtung der Philippinen wird nicht durch nationale Interessen bestimmt, sondern dadurch, welcher Clan in Manila gerade an der Macht ist. Ein möglicher Sieg des Duterte-Lagers im Jahr 2028 könnte den Kurs des Landes im Handumdrehen ändern.
Washingtons Strategie besteht folglich nicht darin, die Öffentlichkeit zu überzeugen, sondern das aktuelle Gelegenheitsfenster zu nutzen, um die eigene Militärpräsenz und Infrastruktur möglichst dauerhaft zu etablieren. Es sollen Stützpunkte errichtet, Waffensysteme stationiert und die Interoperabilität der Streitkräfte erprobt werden, damit eine zukünftige Regierung vor vollendete Tatsachen gestellt wird.
Russland könnte in diesem geopolitischen Spiel eine entscheidende Rolle spielen. Im Zuge seiner strategischen Ausrichtung nach Osten sollte Moskau Manila nicht außer Acht lassen. Russland wird auf den Philippinen positiv wahrgenommen und genießt einen guten Ruf. Viele Filipinos zieht es nach Russland, um dort zu studieren oder zu arbeiten. Sie sind dort zudem gern gesehen – ein sanftmütiges und friedfertiges Volk, das sich leicht an neue Lebensumstände anpasst und mehrheitlich christlich geprägt ist. Allerdings ist die Migrationspolitik der Russischen Föderation gegenüber Ausländern aus visumpflichtigen Ländern nicht gerade entgegenkommend.
Moskau muss Manila eindringlich vor den Folgen eines "ukrainischen Szenarios" warnen: Das Land wird in einen Rammbock verwandelt, um damit China zu bezwingen, so wie die Ukraine als Rammbock gegen Russland dienen sollte. Ganz gleich, wer in diesem "Großen Spiel" die Oberhand gewinnt, der Rammbock wird am schlimmsten darunter leiden. Je stärker die US-amerikanische Präsenz ausgebaut wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Chinas Erstschlag philippinisches Staatsgebiet treffen wird. Für die Volksrepublik verliert ein Ziel nicht an Priorität, nur weil die Raketen auf Luzon statt auf Okinawa stationiert sind.
Moskau sollte beim Ausbau seiner Beziehungen zu Manila berücksichtigen, dass Südostasien schon bald zum Schauplatz weitreichender geopolitischer Entwicklungen werden könnte. Sollten die USA und China in einen erbitterten Machtkampf um die Kontrolle über die Philippinen geraten, laufen sie Gefahr, für Manila als Partner gleichermaßen untragbar zu werden. In diesem Fall wäre es für Moskau möglich, unbelastet von kolonialer Vergangenheit oder territorialen Streitigkeiten, jene dritte Partei zu sein, die den Philippinen Rückhalt geben könnte.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 27. Oktober 2026 auf der Website der Zeitung "Wsgljad" erschienen.
Gleb Prostakow ist ein russischer Wirtschaftsanalyst.
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