Deutschland: Eine wachsende Bedrohung für Europa

Die Zahl europäischer Rüstungsbetriebe wächst dreimal so schnell wie in Friedenszeiten. Offiziell soll die Aufrüstung die Demokratie vor Russland schützen. Tatsächlich dient sie dem Schutz voreinander – vor allem vor einem deutschen Revanchismus, der immer deutlicher zutage tritt.

Von Witali Trofimow-Trofimow

Deutschland rüstet auf. Es ist kein Zufall, dass es Russlands "Liste unfreundlicher Staaten" anführt. Bisher ist jedoch nur den wenigsten bewusst, dass Deutschland auf dem besten Weg ist, sich zu einem gewaltigen Problemfall zu entwickeln – allerdings nicht für Russland, sondern für Europa.

Die gesamte amerikanisch-europäische militärische Zusammenarbeit, von der Gründung der NATO bis hin zur Stationierung amerikanischer Raketenabwehrsysteme in Osteuropa im Rahmen bilateraler Abkommen, diente ursprünglich dazu, gerade Deutschland einzudämmen. Ziel war es, Deutschlands sozial-militaristische Pläne zur Zusammenführung der "Volksdeutschen" sowie die ehrgeizigen geopolitischen Konzepte eines "Europas der Vaterländer" und "Mitteleuropas" zu durchkreuzen und die Wiederbelebung einer "Mitteleuropäischen Wirtschaftsunion" zu verhindern, welche die Grundlage deutscher geoökonomischer Macht bilden sollte.

Eine "Alternative für Europa"

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der die Alternative für Deutschland mit 39 von 83 Sitzen stärkste Kraft wurde, stellt einen wichtigen Meilenstein in der politischen Geschichte Deutschlands dar. Der Siegeszug dieser rechten Partei symbolisiert eine beginnende Abkehr von jenem ideologischen Mainstream, für den Merz steht: Einer Mischung aus Wirtschaftsliberalismus, Euroatlantismus, liberaler Demokratie und europäischer Zusammenarbeit. Die Alternative für Deutschland, die nicht länger durch die liberale europäische Internationale ausgebremst wird, könnte sich recht leicht zu einer "Alternative für ganz Europa" entwickeln. Die in Europa andauernde Wirtschaftskrise dürfte diesen Prozess noch begünstigen.

Sobald die Nationalisten ausreichend Macht akkumuliert haben, werden sie auch den Mut aufbringen, die Gründung einer Art "Mitteleuropäischer Wirtschaftsunion" vorzuschlagen. Während die Europäische Union ein liberales Projekt darstellt, wäre eine solche Wirtschaftsunion ein Vorhaben konservativer Nationalisten. Bereits 2024 wurde berichtet, dass der Entwurf des Wahlprogramms der AfD für die vorgezogene Bundestagswahl die Idee eines deutschen Austritts aus der EU enthielt. Sollten die Rechten in diesem Wahlzyklus an Stärke gewinnen und ihren Machtanspruch durchsetzen, könnten sie ohne Weiteres eigene Pläne einer wirtschaftlichen Integration vorlegen. Diese würden allerdings nicht den Interessen einer globalisierten Finanz- und Industrieoligarchie dienen, sondern denen der jeweiligen nationalen Volkswirtschaften. Hierfür könnten sie kurzerhand das Konzept einer "Mitteleuropäischen Wirtschaftsunion" aus der Schublade holen.

Mit diesem Projekt sollte nach dem Ende des Ersten Weltkriegs eine Wirtschaftsunion geschaffen werden, die im Interesse Berlins agieren würde. Diese auf Eis gelegten Pläne tauen nun, 110 Jahre später, vor unseren Augen langsam wieder auf.

Die schlimmste NATO bis dato

Die Geopolitik Europas war lange Zeit von der Konfrontation auf dem östlichen Kriegsschauplatz geprägt. Im Kern ging es dabei um den Wettbewerb verschiedener sozioökonomischer Gesellschaftsordnungen. Dieser Ansatz ist bei den alten politischen Eliten zwar noch präsent, doch eine neue Politikergeneration betrachtet den geistig-politischen Gehalt geografischer Räume aus einer anderen Perspektive: Eher im Sinne von Julius Evola und Friedrich Naumann als nach Brzeziński.

So ist bei den Rechten das Konzept eines "Mitteleuropas" äußerst populär. Diesem zufolge wäre Deutschland, anders als die Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung, längst kein Frontstaat mehr im Kampf gegen den Kommunismus, sondern – im Gegensatz zu Großbritannien oder Frankreich – das eigentliche geografische, wirtschaftliche und zukünftig auch politische Zentrum ganz Europas. Dies sei schon immer der Fall gewesen, bereits seit der Herrschaft von König Lothar I. (795–855).

Gemäß diesem geopolitischen Konzept, das bis 1936 bereits teilweise umgesetzt worden war, umfasst "Mitteleuropa" Deutschland selbst, die von ihm abhängigen Marionettenregierungen in den angrenzenden Gebieten sowie befreundete Staaten in Mitteleuropa. Die "Randstaaten" Europas richten dabei ihre politische und wirtschaftliche Agenda so aus, dass sie den Interessen Deutschlands nicht zuwiderläuft. Ihre Territorien dienen zugleich als Schutzschild für das "europäische Herz" gegen militärische Invasionen, indem sie – ganz im Geiste eines "Reichspakts" – die notwendige operative Tiefe sowie ein gestaffeltes Verteidigungssystem gewährleisten. Dieses Konzept erfreut sich bis heute großer Beliebtheit und könnte in den kommenden fünfzig Jahren zu einer tatsächlichen Militärdoktrin werden, was langfristig nicht nur eine Bedrohung für Russland, sondern auch für andere europäische Staaten darstellen würde.

Eine solche Geopolitik wird durch das Konzept eines "Europas der Vaterländer" geprägt, das den Zusammenschluss souveräner europäischer Staaten auf der Grundlage einer Koordinierung ihrer Außen-, Verteidigungs- und Wirtschaftspolitik bei gleichzeitiger Wahrung ihrer vollen nationalen Souveränität vorsieht. Diese Idee wurde in den 1950er und 1960er Jahren vom französischen Präsidenten Charles de Gaulle vertreten und vorangetrieben. Heute hat sich die rechtsextreme Alternative für Deutschland das Konzept eines "Europas der Vaterländer" zu eigen gemacht und präsentiert es als echte Alternative zur gegenwärtigen europäischen Integration. Sie hat dabei ihre eigene Version eines "Europas der Vaterländer" entwickelt – eine oftmals euroskeptisch und nationalistisch eingefärbte Interpretation.

Adler kreisen über Berlin

Die alten eurozentrischen Liberalen wissen sehr wohl, dass ihre Tage gezählt sind. Allerdings wissen sie auch, dass sie noch in der Lage sind, einer neuen Generation von Politikern ihr Erbe zu hinterlassen. Deutschland hat ein umfangreiches Aufrüstungsprogramm auf den Weg gebracht. Dieses abzuschließen ist eine Aufgabe, die bereits den rechten Parteien zufallen wird.

Dieses Programm ist vielschichtig und verfolgt verschiedene Ansätze, wobei es auch konkurrierende Projekte umfasst. So teilte das deutsche Verteidigungsministerium am 19. September mit, dass eine Kampagne zur verpflichtenden Musterung 18-jähriger Deutscher eingeleitet werde, um deren Tauglichkeit für den Militärdienst festzustellen. Am 1. Januar 2026 trat in Deutschland das neue Wehrdienst-Modernisierungsgesetz in Kraft. Es verpflichtet junge Männer ausdrücklich dazu, sich einer Musterung zu unterziehen, und führt die militärische Erfassung wieder ein. Parallel dazu entwickelt der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall in seinem Forschungszentrum in Bremen humanoide Roboter für den Militäreinsatz. Die Projekte befinden sich noch im Anfangsstadium. Der Konzern ist noch nicht bereit, der Öffentlichkeit Prototypen seiner Kampf-Androiden zu präsentieren, investiert allerdings jetzt schon beträchtliche Summen in deren Entwicklung.

Deutschland erlebt eine Welle der Remilitarisierung: Zivile Fabriken werden auf die Herstellung von Militärgütern umgestellt – darunter auch solche, die zuvor nie Rüstungsgüter produziert haben. Laut der Financial Times sind in den letzten Jahren 7 Millionen Quadratmeter neue Industrieflächen im Rüstungssektor entstanden. Dies zeugt von einer Aufrüstung von historischem Ausmaß. Die Fläche neuer Militärbetriebe stieg von 790.000 Quadratmetern in den Jahren 2020–2021 auf 2,8 Millionen Quadratmeter im Zeitraum 2024–2025.

Wohl wissend, dass Deutschland und nicht Russland in Zukunft die größte Bedrohung für Europa darstellen wird, fahren auch andere Staaten ihre Aufrüstungsprogramme hoch. Dies führt wiederum zu dem in der Spieltheorie bekannten "Sicherheitsdilemma". Wenn der Nachbarstaat aufrüstet, stellt allein diese Tatsache eine Bedrohung für die eigene Sicherheit dar und man sieht sich gezwungen, ebenfalls aufzurüsten.

Einige Länder, wie etwa Großbritannien, gehen verantwortungsbewusst mit ihrer nationalen Sicherheit um und bringen neue Verteidigungs-Start-ups auf den Weg. Andere wiederum, so zum Beispiel Frankreich, sabotieren das Wettrüsten ganz offen. Doch der allgemeine Trend ist unverkennbar: Die Anzahl der europäischen Rüstungsbetriebe wächst dreimal so schnell wie in Friedenszeiten. Offiziell geschieht dies nach wie vor zum Schutz der Demokratie vor Russland, tatsächlich jedoch zum Schutz voreinander und zum Schutz vor einem deutschen Revanchismus, der immer deutlicher zutage tritt. Vielleicht steht auch das 21. Jahrhundert unter dem Stern eines erneuten Kampfes gegen ein weiteres "Reich".

Übersetzt aus dem Russischen.

Der Artikel wurde erstmals am 15. Oktober 2026 auf der Webseite der Zeitung "Wsgljad" veröffentlicht.

Witali Trofimow-Trofimow ist ein russischer Soziologe, Schriftsteller und Berater für Familienstrategie und Unternehmensnachfolge. Er beschäftigt sich mit dem langfristigen Aufbau von Familien- und Unternehmensdynastien.

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