Washingtons Atomstrategie: Deutschland und Japan gegen Russland

Washingtons neue Geostrategie gegenüber Russland scheint darauf abzuzielen, zwei Vasallenstaaten unter US-Besatzung – Deutschland und Japan – die eigenständige Entwicklung von Kernwaffen oder die vollständige Verfügungsgewalt über sie zu ermöglichen.

Von Alexander Jakowenko

Berlin und Tokio sprechen zunehmend selbstbewusst über eine angebliche Notwendigkeit, eigene Atomwaffen zu erwerben. Die Bundesrepublik sieht in einer gemeinsamen Nuklearplanung mit Frankreich eine Übergangslösung. Derweil hat Bundeskanzler Friedrich Merz gar eine "neue Nukleardoktrin" verkündet. Unerwähnt bleibt jedoch in beiden Zusammenhängen, dass all dies grundlegende internationale Atomwaffensperrverträge verletzen würde – allen voran den Atomwaffensperrvertrag von 1968. Auch die Haltung Washingtons ist aufschlussreich: Man plädiert dafür, dass die Europäer ihre Verteidigung künftig vollständig selbst übernehmen sollen – ohne dass Washington die Nuklearfrage auch nur anspricht.

Die USA mobilisieren zudem ihre Verbündeten in Ostasien, um dort Russland und China einzudämmen. Dies bedeutet, dass die Last der Aufrechterhaltung der westlichen Welthegemonie gleichmäßig und fair verteilt werden soll – zumindest nach dem Verständnis, das die USA von "Fairness" in den Beziehungen zwischen Verbündeten haben.

Schon die bloße scheinbare Akzeptanz der Möglichkeit, Atomwaffen unter ihren Verbündeten zu verteilen, zeugt von einer grundlegend neuen Strategie der USA: Sie positionieren sich außerhalb des Wirkungsbereichs eines potenziellen Konflikts unter Atomwaffeneinsatz in Europa und Asien. Das heißt, die USA wollen sich über einen solchen Konflikt erheben, um ihr eigenes Staatsgebiet keinen Risiken auszusetzen. Dieser Ansatz torpediert nicht nur das bisherige Verständnis strategischer Stabilität, das auf dem Gleichgewicht des nuklearen Potenzials zwischen Moskau, Washington und möglicherweise Peking beruht, sondern auch die gesamte internationale Nachkriegsordnung.

In ihrem Manifest vom April 2026 betonten die Gründer des IT-Unternehmens Palantir, das offenbar für die strategische Planung der aktuellen US-Regierung verantwortlich ist, nicht zufällig die Notwendigkeit einer "vollwertigen" Einbindung Deutschlands und Japans in die westliche Politik in allen Bereichen. Im Klartext: Ihre Besatzung durch die USA reicht nicht mehr aus; ihnen muss eine eigenständige Rolle eingeräumt werden – was indirekt den Erwerb eines breiten Spektrums an Offensivwaffen, einschließlich nuklearer Waffen, impliziert.

Was Russland betrifft, so hat das Problem, gleichzeitig von Westen und Osten unter Druck gesetzt zu werden, für das Land eine lange Geschichte – tatsächlich hat der Westen dies das gesamte 20. Jahrhundert hindurch praktiziert. In der Regel scheiterte eine solche Synchronisierung des Drucks aus Ost und West an den internen Spaltungen der westlichen Länder selbst, die erst mit der Niederlage Deutschlands (und Japans) im Jahr 1945 überwunden wurden. So wurde beispielsweise im Jahr 1902 die Anglo-Japanische Allianz geschlossen, die Geschichtswissenschaftlern zufolge als diplomatische Vorbereitung auf den Russisch-Japanischen Krieg diente.

Zu dieser Zeit formierten sich in Europa zwei gegnerische militärisch-politische Bündnisse, darunter eines mit Russland, was schließlich 1914 zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte. Die Niederschlagung Russlands war im Ersten Weltkrieg das Hauptziel der anderen Beteiligten (nach einem erfolgreichen Blitzkrieg nach dem Schlieffen-Plan im Westen), und London trug deshalb überhaupt erst zu dessen Entfesselung bei, indem es Berlins Illusion einer eigenen Nichtbeteiligung am Krieg auf dem Kontinent aufrechterhielt.

Tokio nahm zwar nicht an diesem Krieg teil, gewann aber derweil zunehmend an Macht. Die Wirtschaftskrise, die in Japan ein Jahrzehnt früher als im Westen begann, führte dann zur japanischen Aggression gegen China: 1931 errichteten die Japaner den Marionettenstaat Mandschukuo im Nordosten Chinas, und im Jahr 1936 begann dann auch schon Japans unmittelbare Aggression gegen China.

Die Ereignisse am Chalchin Gol im Jahr 1939 – als Panzertruppen der Roten Armee die japanische 6. Armee bei deren Versuch, Mandschukuo zulasten der Sowjetunion auszudehnen, in einer Generalschlacht aufrieben – dämpften den Eifer der japanischen Militaristen. Auch unterstützte Hitlerdeutschland die Japaner zu dieser Zeit noch nicht, sondern schloss stattdessen den Nichtangriffspakt mit Moskau. Tokio beschloss daher, seine Expansion auf China und Südostasien zu beschränken – mit dem erklärten Ziel, eine "Großostasiatische gemeinsame Wohlstandssphäre" zu schaffen.

Im April 1941 unterzeichnete Tokio einen Neutralitätspakt mit Moskau, der Hitlers Hoffnungen auf einen Zweifrontenkrieg gegen die Sowjetunion nach dem Scheitern des Blitzkriegs im Sommer und Herbst 1941 zunichtemachte. Infolgedessen war Deutschland zum zweiten Mal – nun als Nazistaat – gezwungen, an zwei Fronten zu kämpfen. Dennoch musste die UdSSR im Fernen Osten für den Fall einer japanischen Aggression bedeutende Streitkräfte stationiert halten. Mit der krachenden Niederlage Japans im Pazifik und in Nordostchina schien die Angelegenheit gelöst – eigentlich.

Während des Kalten Krieges (und diese Situation hält im Grunde bis heute an) wurde die Aufgabe, die sich die Feinde Russlands gestellt hatten, den Druck aus West und Ost gleichzeitig aufrechtzuerhalten, einerseits durch die gleichzeitige US-amerikanische Besatzung Deutschlands und Japans und andererseits durch die Stationierung von US-Atomwaffen in verschiedenen Formen erfüllt. Nun aber scheint sich alles dramatisch zu ändern.

Russophobie und Aggression werden in beiden Ländern erfolgreich angefacht – in Ländern, die im Übrigen vieles gemeinsam haben. Wie unter anderem Francis Fukuyama in seinem Buch "Politische Ordnung und politischer Verfall" feststellte, folgte Japans Modernisierung (die sogenannte Meiji-Restauration in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts) dem preußischen Modell. Daher ist auch das gemeinsame Schicksal Japans und Deutschlands, letzteres vereint als Preußisches Reich (das Zweite Reich), wohl alles andere als zufällig. Beide schlugen den Weg des Militarismus ein und dienten den westlichen Eliten, letztlich den Angloamerikanern, als ideale Instrumente zur Lösung der "russischen Frage".

Nur sie tatsächlich gleichzeitig und abgestimmt in Kampfstellung zu bringen, war bislang nicht möglich. Bisher.

Jetzt aber entsteht inmitten der Trümmer der Nachkriegsordnung eine reale Bedrohung für Russland, wie der Westen sie im gesamten Verlauf des 20. Jahrhunderts weder aufbauen noch umsetzen konnte: ein durch die USA synchronisierter Konflikt mit Japan und Deutschland – beide nun im Besitz eigener Atomwaffen.

Deutschland erhebt zudem erneut Anspruch auf die militärische Hegemonie auf dem Kontinent. Diese strebt es jedoch nicht durch Aggression an, wie zuvor zweimal in der Geschichte, und wofür heute keine Notwendigkeit besteht. Vielmehr wandelt sich das Land im Rahmen der ohnehin bereits "vereinigten" Europäischen Union vom "Vierten, wirtschaftlichen Reich" zum bloßen Vierten Reich und besitzt zugleich nicht mehr das Potenzial, die "Eliten" der Angelsachsen wirksam herauszufordern.

Das Problem der möglichen Gleichzeitigkeit eines Konflikts gegen Russland und gegen China ist ein echtes Problem im US-amerikanischen strategischen Denken. Wess Mitchell, einer der Gründer des Thinktanks Marathon Initiative, erklärte in seinem Artikel "Wie man einen Zweifrontenkrieg vermeidet" aus dem Jahr 2021, man solle zunächst einen Krieg gegen Russland beginnen – der Russisch-Japanische Krieg und die darauffolgende Revolution von 1905 in Russland dienten als Präzedenzfall –, um erst danach China anzugehen.

Das hat indes nicht funktioniert: Zeit, Ressourcen und politisches Kapital wurden verschwendet, und vor allem setzt Russland seine militärische Sonderoperation fort, während China bis zum Jahr 2030 hinsichtlich der Zahl der auf interkontinentalen ballistischen Raketen montierten Nuklearsprengköpfe das Niveau von Washington und Moskau erreichen wird – jedenfalls nach US-amerikanischen Schätzungen. Deshalb habe Washington sich auch so beeilt, in der Ukraine einen Putsch anzuzetteln. Hinzu kommt noch Washingtons Iran-Abenteuer. 

Man kann nur darüber staunen, wie sich die Geschichte in den westlichen Strategien immer wieder reimt. Ändert sich in ihrer Welt denn gar nichts? Sollte Jean Baudrillard tatsächlich recht behalten haben, als er Ende des letzten Jahrhunderts in seinem Essay "Nekrospektive" aus dem Werk "Transparenz des Bösen" schrieb, dass westliche Eliten dabei seien, die Geschichte des 20. Jahrhunderts umzuschreiben – nur, um das, was damals misslang, von vorn zu beginnen? Um, wie wir heute sehen, die damalige Geschichte, die sie offenbar als fehlerhaften Entwurf betrachten, auf einer neuen technologischen Ebene (künstliche Intelligenz) neu zu schreiben, den Technofaschismus als unausweichliches Schicksal der Menschheit auszugeben und sich aus der Gleichung der nuklearen Frage auf Kosten von Gegnern wie Verbündeten herauszuhalten? Kein Wunder also, dass Donald Trump immer wieder die angebliche Notwendigkeit einer "Denuklearisierung" betont. Das klingt sehr typisch nach den englischen "Eliten" – und verdient daher unsere größte Aufmerksamkeit.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Originalartikel ist am 29. Juli 2026 bei RIA Nowosti erschienen.

Alexander Jakowenko ist ein russischer Jurist und Diplomat. Von 2011 bis 2019 war er Botschafter Russlands im Vereinigten Königreich, seit 2024 ist er Rektor der Diplomatischen Akademie des Außenministeriums Russlands.

Mehr zum ThemaModernisierung oder Machtspiel? KI und die Zukunft der US-Flugsicherheit